„Der Prozess“, Theaterstück an der Kaspar Hauser Stiftung, Sommer 2015

 

„Seid ihr alle verrückt geworden?“, wird am Anfang des Stückes gefragt. „Jaaa!“, donnert es begeistert von allen auf der Bühne zurück. Wir sind entzückt, verrückt zu sein! Nicht kontrolliert, nicht erwachsen, nicht der Norm entsprechend. Voller Freude über die Stränge schlagen. Überzeichnen. Größer sein dürfen als in Wirklichkeit. Im Moment verloren. So sieht das Chris Dehler. Sensibler Beobachter, stimmgewaltiger Schauspieler und einfühlsamer Schauspiel-Trainer.
Ein Stück über Kaspar Hauser – an der Kaspar Hauser Stiftung – das bietet sich an. Die Symbolfigur Kaspar Hauser steht schließlich für einen Menschen mit bestimmten Einschränkungen – und dafür, was die Einzigartigkeit dieses und eines jeden Menschen ausmacht. Bei der Frage, wer Kaspar Hauser war, steht die Frage in der Luft „Und wer bin ich?“ Auf die Frage nach dem Namen antworten alle „Kaspar Hauser“.
Für Dehler ist es das zweite Mal, dass er mit Menschen mit Behinderungen ein Theaterstück einstudiert, viel Erfahrungen hat er mit Schülern gesammelt. Unterhaltsamer und entspannter als in der Schule, wo er ab und an mal losbrüllen muss, sonst ginge es nicht, ist es aber in jedem Fall mit den Menschen mit Behinderungen, meint er. Sie lassen sich ein. Bloß kein Überbau. Hier wird improvisiert, trainiert. „Und es gibt so unendlich entzückende Momente!“
Was macht Kaspar Hauser in der Gegenwart aus, wie ist die Aktualität der Figur, fragte sich Dehler und erfand einen Prozess, der die ewige Frage klären soll: Gab es ihn wirklich? Oder ist Kaspar Hauser ein Betrüger? Wenn er darüber spricht, merkt man ihm an, wie sehr er mit Leib und Seele dabei ist. Auf der Bühne kann man es sowieso beobachten.
Wer macht was, wer spielt welche Rolle? Das sieht man dann während der Proben. Es entwickelt sich, die Tagesform sei schließlich auch unterschiedlich. Doch der Spaß ist das Wichtigste. Manche können einen langen Text auf Anhieb, können aber nicht lesen oder schreiben, andere vergessen ihn gleich wieder, sprechen ungern. Manch einer ist nicht behindert, meint Dehler, kommt nur aus behindernden Verhältnissen. Und dann: Wohin mit Wut und Zorn? Mit Energien, die kanalisiert werden müssen? Ins Spiel! Zuerst beginnt er mit Übungen, einfach nur Fühlen im Raum, vielleicht mit verbunden Augen. 
„Ruhe, sonst lass ich Sie abräumen!“, droht die Gerichtsdienerin wohl nicht ganz skript-gerecht. Manch einer ist ganz da und im nächsten Moment Lichtjahre weit weg. Eine junge Frau, die fast nie spricht, spielt eine der Kaspar-Hauser-Personen, die im Stück die verschiedenen Stimmen und Charaktere darstellen. Sie sitzt unter Tüchern, eine lange Zeit. Als zwiebelähnlich ein Tuch nach dem anderen gelüftet wird, bis sie selbst zu sehen ist, steht ihr die stolze Freude ins Gesicht geschrieben.
Warum tun sie das? Warum schauspielern Menschen mit Behinderungen? „Er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, meint Dehler mit Schiller. Spielen ist Kindheit. Ist im Augenblick erleben. Auch: Etwas zeigen wollen von sich. Zeigen, was ich auch bin. Was im Alltag untergeht. Bei der Arbeit oder bei Therapien, bei Konzentration auf anderes, das Gewohnte. „Ich mache das jetzt. Mit meinen Möglichkeiten.“ Innerlich strahlen, nennt Dehler das.
Spielen ist jedenfalls eine neue Dimension, eine zusätzliche. Die Vielfalt, die im Anderssein bedingt ist, wird da auch noch einmal deutlicher. Die vielen Erlebnisebenen. Und die Aufführung? Alles klappt vorzüglich, Improvisation ist willkommen. „Doch der Prozess ist es, der am wichtigsten ist“, meint der Regisseur, genauso wichtig wie das Ergebnis. Die Aufführung bildet nur den Fokus, das Ziel. Doch der Weg dahin ist so bereichernd. Jede Probe, immer wieder.
„Seid ihr alle verrückt?“  „Jaaa!“
 

 

 

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